Kulturkonzept? – War da nicht was?
Die beginnende Frühlingswärme regt die Gehirnzellen an. Man grübelt. Nichterledigtes vom Vorjahr muss schnell bearbeitet werden. War da nicht noch was? Ach ja …
Ach ja, fällt einem zum Thema Kulturkonzept für Erfurt ein. Nach einem ersten und bis jetzt letztem öffentlichem Forum, im letzten Sommer „Woldcafe“ genannt, im Kaiser Saal zog sich die AG Kulturkonzept in ihre Klausur zurück.
Als Ergebnis wurde eine kritikwürdige und zu ergänzende Vorlage – Präambel, Leitbild, Leitlinien – Anfang dieses Jahres dem Stadtrat vorgelegt.
Wie sieht es mit Bürgerbeteiligung, Diskussion und Aufnahme von Anregungen und Vorschlägen aus? Fehlanzeige. Man hört es unken – typisch Erfurt. Schön, dass wir mal darüber geredet haben, aber wir machen es wie in Erfurt üblich. Hinter verschlossener Tür im kleinen Kämmerchen.
Aber nein, das stimmt doch gar nicht, es gibt doch ein Internetforum. Stimmt. Aber mal Klartext: diese Internetseite, die die Diskussion für ein Kulturkonzept fördern soll ist eine Zumutung für jeden Internetuser. Ein Neuanfang in der kulturellen Ausrichtung Erfurts muss sich schon an solchen Kommunikationswerkzeugen niederschlagen. Wenn aber schon die Klosterbrüder von Peter & Paul eine attraktivere, dynamischere Website präsentieren, na dann gute Nacht.
Und was wird mit den auf der Kulturkonzept-Internetseite veröffentlichten Texten, mit Kritik und Gegenvorschläge? Werden die in der AG Kulturkonzept diskutiert? Fließen sie ins Konzept ein? Oder sind sie nur zum Lesen da für die die sich auf der Suche danach nicht im Nirwana verlieren. Das ist direkte Demokratie.
Liest man die Vorlage, liest man Allgemeinplätze, die einer Tourismuswerbebroschüre entstammen könnten und eine Art parlamentarische Vorlage, ein Kompromiss, für alle ist etwas dabei, ohne sich festlegen zu müssen. Einige Mitglieder der AG Kulturkonzept verstehen die Aufregung nicht, es ginge doch bloß um das lineare Leitbild und nicht um die zukünftige Praxis. Dann ist ja gut.
Unverbesserlich wiederhole ich einige Ergänzungen zur Vorlage.
Erfurt muss zu einer Stadt der Jugend werden. Eine Stadt ist keine Marke. Eine Stadt ist kein Unternehmen. Eine Stadt ist ein Gemeinwesen. Zu sehr wurde in den letzten Jahren der Schwerpunkt auf die Bewahrung der Tradition gelegt. Obwohl Erfurt eine Universitätsstadt ist, prägen die Studenten nicht das Stadtbild, viele Jugendliche verlassen die Stadt. Es muss deutlich werden was die Schwerpunkte der Kulturentwicklung in Erfurt sein sollen.
Der Ort, an dem Gegensätze aufeinanderprallen, ist die Stadt. Es ist ihre Stärke, dass sie Widersprüche aushält, und ihre Schwäche, dass sie sie nicht harmonisieren kann. Faszinierend und lebenstüchtig ist Erfurt nicht als Ort des Ausgleichs, sondern als Ort der Vielfältigkeit. Die Stadtpolitik der Zukunft ist eine Politik ständiger begrenzter Konflikte, die nirgendwo dauerhaft gelöst werden, worauf es ankommt, ist sie öffentlich auszutragen.
Erfurt hat eine vielfältige Kunst und Kulturlandschaft, in Kontinuität zum reichen Erbe sollte sich Erfurt für neue Tendenzen, für eine Vielfalt von Lebensformen und kulturellen Ausdrucksweisen öffnen. Gemäß der Charakteristik Erfurts als Kreuzungspunkt vieler Wege sollte die Stadtverwaltung ihre regionalen, nationalen und internationalen Beziehungen verstärken. Schwerpunkte bilden das Eurocities Programm und die Städte an der via regia. Diese Orientierung, die verschiedenen Aspekte von Kunst und Kultur ausdrücklich beinhalten, schließt eine überkontinentale Öffnung nicht aus.
Die Vielfalt kultureller Angebote muss weiter ausgebaut werden. Dies sollte auch über eine spürbare Erhöhung der Mittel für die Kunstförderung geschehen und über wirksame Instrumente der direkten Förderung von Künstlern und Kunstprojekten. Die klassische Verbands- und Vereinsszene ist im Umbruch: es entstehen neue, freie Initiativen. Die Formen der öffentlichen Unterstützung müssen sich dieser Entwicklung anpassen. Der Kulturetat für die freie Szene soll auf 5% erhöht werden. Die Förderstrukturen sind transparent auszurichten und sollen längerfristiges Planen bei den Fördermittelempfängern ermöglichen. Förderungen sollen zur Gewährung von mehr Planungssicherheit über jeweils drei bis vier Jahre ausgesprochen und vertraglich vereinbart werden. Dabei bedeutet trotz zu verstärkender projektbezogener Förderung die institutionelle Förderung Basissicherung. Es ist eine wichtige Aufgabe, auf allen Ebenen der Kunstförderung kontinuierlich darauf hinzuwirken, dass Benachteiligungen reflektiert und aktiv aufgehoben werden.
Erfurt soll ein abgestuftes System von privaten, zivilgesellschaftlichen und öffentlichen Ausbildungseinrichtungen bieten, von der frühkindlichen Bildung bis zum Hochschulstudium für Musik und der Bildenden Kunst, aber auch im Tanz-, dem Literatur- und Theaterbereich.
Es soll ein Sammlungskonzept erstellt werden, dadurch wird die inhaltliche Ausrichtung der städtischen Museen optimiert und Ankäufe aktueller Kunst ermöglicht.
Die bisherige Form zur Erstellung eines Kulturkonzeptes ist gescheitert. Soll die Chance nicht endgültig vertan werden muss der Findungsprozess geöffnet und erweitert werden. Mit Wissen um die positiven Ergebnisse in Dresden, Freiburg und Linz müssen Hearings einberufen und Arbeitsgruppen gebildet werden. Kultur-, Kunstinitiativen und Künstler der Stadt müssen aktiv an der Konzepterstellung mitarbeiten, nicht als Bereicherung einer Internetseite sondern als Mitgestalter des Kulturkonzeptes.