11. Dezember 2008

Wohlfeil aber wenig zielführend

Geschrieben von Herr Dirk T. in Aktuelles

Erfurter Interview #2 mit Dr. phil. habil. Wolfgang Beese.

Frage: Vor einem Jahr hat der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein vom Stadtrat den Auftrag erhalten, ein Kulturkonzept für die Stadt vorzulegen. Ein Konzeptpapier wurde seitdem vom Oberbürgermeister und der Kulturdirektion bearbeitet. Ein Entwurf liegt vor. Sind Sie mit ihm zufrieden?

Wolfgang Beese
: nein, oder nur sehr bedingt. da ist zwar viel kultur drin, aber wenig konzept.

Frage: Die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen hatten in einer Stadtratssitzung eine Vorlage eingebracht, die in den Kulturausschuss überwiesen wurde. Dort wird ein öffentlicher Konsultations- und Diskussionsprozess, in dem ein Kulturkonzept entwickelt werden soll, gefordert. Ein öffentliches Hearing und zwei Bürgerforen zum Kulturkonzept sollen durchgeführt werden. Es sollen alle kulturellen Gruppen, Vereine und Verbände aus Erfurt eingebunden werden, um ein neues Konzept zu erstellen.
Wie stellen Sie sich eine Überarbeitung des Entwurfs vor?

Wolfgang Beese: die genannte vorlage ist wohlfeil aber wenig zielführend. richtig daran ist die geforderte transparenz und partizipation. meine erfahrung mit der erarbeitung von konzepten ist allerdings eine andere. zunächst muss eine gruppe zumindest die umrisse eines wirklichen konzepts vorlegen. dieses muss dann bearbeitet werden.
die erarbeitung ist ein prozess. die teilergebnisse sind ständig in die öffentlichkeit zu kommunizieren. anregungen aus der öffentlichkeit, von vereinen, verbänden, einzelpersonen sind aufzunehmen. die mitglieder der gruppe sind ansprechpartner. die gruppe hat eine veröffentlichte mailadresse und eine website als forum. es muss foren, hearings und andere geeignete podien geben. was da als konzept entstehen soll ist kein geheimpapier, von anfang an ist es eine öffentliche veranstaltung.

Frage: Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein schlug externe Berater vor und würde dafür 50.000 Euro bereitstellen, was für manche Kultureinrichtungen Erfurts ein Jahresbudget darstellt. Wissen Sie wer diese Berater sein sollen und wäre es nicht der erste Schritt alle Kultur-Experten der Stadt Erfurt einzuladen?

Wolfgang Beese: die idee, ein kulturkonzept für erfurt durch externen sachverstand erarbeiten zu lassen wäre ein armutszeugnis für unsere stadt. die idee ist vom tisch.
aber was bitte sind kultur-experten? sind wir das nicht alle, mehr oder weniger zumindest? mit 50, 500 oder 5.000 leuten erstellt man kein konzept. aber wenn man die eckpunkte eines konzepts hat, dann braucht man 50, 500 oder auch 5.000 interessierte, die das kritisch und mit vielen anregungen begleiten. und erst dann kann man externe gutachter bemühen und um eine kritische außensicht bitten. dazu braucht man allerdings keine 50.000 €.

Frage: Die geplante kulturelle Jahresthemen der Stadt Erfurt der nächsten Jahre heißen u.a.: Luther. Der Aufbruch; 600 Jahre Kollegium Amplonianum, mittelalterliche Buchdruckerei; Jüdisches Leben in Erfurt; 1000 Jahre Mainzer Bezug, 350 Jahre Reduktion; 350 Jahre Petersberg,  200. Wiederkehr der zweiten preußischen Besitzergreifung; via regia - europäische Sternstunde, Jubiläum des großen Erfurter Astronomen Schröter; 500 Jahre Reformation. Warum beziehen sich fast alle Jahresthemen mit geschichtlichen Ereignissen und nicht mit Gegenwart und Zukunft?

Wolfgang Beese: das frage ich mich auch. aber jahresthemen sind nicht grundsätzlich schlecht. ich plädiere seit vielen jahren schon für ein ausgewogenes verhältnis von historischem bezug und zeitgenössischen, originären themen. aber in einer stadt oder region, in der die 200. wiederkehr einer niederlage gefeiert wurde, wird man wohl noch dicke bretter bohren müssen um abhilfe zu schaffen. aber wie immer im leben, kann man selbst peinlichen feierlichkeiten noch eine gute seite abgewinnen. ich habe mit großer freude ende september diesen jahres am 1. erfurter bürstenkongress teilnehmen dürfen, da wurde ein bürstenpaar gewählt und es gab sogar einen bürstenumzug. sie sehen daran, kunst und kultur besitzen wahrhaft emanzipatorisches potenzial.

Frage: Anfang Oktober gab es in Leipzig einen Stadtratsbeschluss, wonach die Freie Szene Leipzig 5% aus dem Kulturetat als Fördermittel zur Verfügung gestellt bekommt. Erfurt gibt bedeutend weniger für die Freie Szene aus. Finden Sie eine Erhöhung auf 5% auch für Erfurt ein anstrebenswertes Ziel?

Wolfgang Beese: ob 4, 5, 6 oder überhaupt eine feste prozentzahl weiß ich nicht so genau, aber richtig ist, dass bislang zuwenig geld für projekte zur verfügung steht. das muss sich ändern.

Frage: Im nächsten Jahr läuft die Amtszeit des ehrenamtlichen Kulturbeigeordneten Karl-Heinz Kindervater aus. Wird es einen neuen ehrenamtlichen Kulturbeigeordneten geben oder wäre ein hauptamtlicher optimaler?

Wolfgang Beese: es wird bestimmt keinen ehrenamtliche kulturbeigeordneten geben. kultur ist hauptsache oder noch besser chefsache.

Frage: Es gibt neue Überlegungen für eine Neunutzung der Peterskirche und der Kasernen auf dem Petersberg. Unter dem Arbeitstitel „Nachbarschaftsprojekt St. Peter& Paul“ soll ein ökumenisches Collegiat errichtet werden, dort wo jetzt das Forum Konkreter Kunst sein Zuhause hat. Wie stehen Sie zu diesen Plänen?

Wolfgang Beese: das forum konkrete kunst gehört zu den pretiosen dieser stadt. wer es von dort verdrängen will muss gute gründe und einen noch besseren standort nennen können.
der petersberg muss insgesamt entwickelt werden. es ist ein städtebaulicher mißstand er liegt fast brach, jenseits der wahrnehmung. was mir bislang von dem projekt bekannt geworden ist, reicht nicht aus, um es zu beurteilen. wogegen ich aber antreten würde, wäre jede intention, die diesen unvergleichlichen raum einer exklusiven nutzung für eine minderheit zuführt.

Frage: Neben dem Mittelalter-Stadtkern soll Erfurt verstärkt eine Stadt der Klöster und Bischöfe werden. Nach dem geplanten Bischofssitz im Collegium Maius nun ein ökumenisches Collegiat auf dem Petersberg. Bekommt die Kirche nicht zu viel Einfluss in einem säkularen Staat? Die Kulturjahresthemen werden in Erfurt auch von den Kirchen stark mitbestimmt. Die kommenden Lutherjahre werfen ihre Schatten schon voraus. Sollten in Erfurt nicht andere Schwerpunkte gesetzt werden?

Wolfgang Beese: ja. siehe oben. und was luther betrifft, das geht ja noch. aber wir hatten ja auch schon mal ein bonifatiusjahr und eins für die heilige elisabeth.

Frage: Sollte über eine Neunutzung auf dem Petersberg nicht öffentlich diskutiert und entschieden werden und auch andere Vorschläge eine Chance bekommen?

Wolfgang Beese: ja.

Frage: Was wünschen Sie sich für Erfurt?

Wolfgang Beese: vieles, aber hier geht es ja um kultur. und da wünsche ich mir zuerst, dass die arbeit am kulturkonzept im wahlkampf außenvorbleibt. das ist ganz einfach zu wichtig als zum thema dröger sonntagsreden zu werden.

Frage: Was halten Sie vom Klub 500?

Wolfgang Beese: seit einer veranstaltung (podiumsdiskussion) im kunsthaus nur noch sehr wenig. mir waren da zu viele leute aus diesem club , die zu genau wußten, was kultur und kunst ist. und schlimmer noch, die auch genau wußten was keine kultur und keine kunst ist. das hat mich sehr nachdenklich gemacht. schade, hätte ja auch was gutes werden können. oder wird es noch was???

Dr. phil. habil. Wolfgang Beese ist Biologe und Philosoph, Mitglied im Kulturausschuss und Stadtrat für die SPD.

Das Interview für den Klub 500 führte Dirk Teschner.

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